Zum Inhalt springen
Newsroom

Claude Duet: Ein Agent, der sich von selbst meldet

Anthropic stellt Claude Duet vor, einen Agenten, der selbst in Mail, Kalender und Buchhaltung schaut und sich meldet, wenn etwas ansteht. Was er kann und was noch offen ist.

5 min LesezeitKI
Claude Duet: Ein Agent, der sich von selbst meldet
Artikel anhören0:00

Anthropic hat am 21. Oktober Claude Duet vorgestellt, vorerst als Vorschauversion. Duet ist eine eigene App, getrennt von der normalen Claude-App, und sie dreht das gewohnte Prinzip um. Bisher fragt man Claude etwas, und Claude antwortet. Duet schaut selbst in die verbundenen Apps, entscheidet, was wichtig ist, und meldet sich dann. Gedacht ist das ausdrücklich für Selbstständige und kleine Unternehmen. Die Ankündigung steht bei Anthropic.

Für uns ist das die interessantere Nachricht als die meisten Modell-Releases der letzten Monate. Ein besseres Modell macht vorhandene Abläufe etwas schneller. Ein Agent, der von sich aus arbeitet, verändert, wer im Büro was erledigt. Gleichzeitig ist das genau die Art Software, bei der man genau hinsehen sollte, bevor man ihr das Postfach überlässt.

Was Duet macht

Morgens kommt eine kurze Zusammenfassung: was in den verbundenen Apps passiert ist und was heute ansteht. Danach prüft Duet die Konten alle paar Stunden und meldet sich nur, wenn etwas Aufmerksamkeit braucht. Worüber und wie oft, legt man selbst fest. Das eher seltene Prüfen begründet Anthropic offen mit den Nutzungslimits, ständiges Nachsehen würde das Kontingent zu schnell aufbrauchen.

Die Aufgaben gehen weit über Terminplanung hinaus. Anthropic nennt Dashboards, Finanzprognosen, Prototypen und kleine Web-Apps. Duet arbeitet dafür auf einer virtuellen Maschine mit eigenem Browser, Laptop und Handy müssen also nicht laufen. Gedächtnis, Skills und verbundene Apps übernimmt Duet aus dem bestehenden Claude-Konto. Im Hintergrund läuft Claude Opus 5.5.

Angebunden wird über den Claude Marketplace mit mehr als 6.000 Konnektoren und Plugins. Genannt werden unter anderem Gmail, Slack, HubSpot, Stripe, QuickBooks, Docusign, Canva und Shopify. Einkaufen kann Duet über Link von Stripe mit einer virtuellen Karte oder über Shop Pay. Eine Anbindung an 1Password soll folgen.

Duet ist in den Tarifen Pro und Max enthalten. Hintergrundprüfungen und größere Aufgaben zählen aber auf dieselben Limits wie jeder Chat. Wer Claude heute schon viel nutzt, wird das merken.

Wie das im Alltag aussieht

Die Beispiele, die Anthropic zeigt, sind bewusst klein. Eine Immobilienmaklerin bekommt jeden Morgen ihre Übersicht, und Duet fällt dabei auf, dass eine Besichtigung im Kalender am falschen Tag steht. Eine Markenstrategin bekommt vor einem Kundentermin ein Briefing, und Duet merkt nebenbei, dass der Termin direkt vor ihrem Flug liegt. Es schlägt vor, ihn zu verschieben. Ein Restaurantbetreiber mit rund 110 Mitarbeitenden lässt Duet Rechnungen Filiale für Filiale abarbeiten.

Mit Superintelligenz hat das wenig zu tun. Das sind Dinge, die in kleinen Firmen liegen bleiben, weil niemand richtig dafür zuständig ist. Und genau da sehen wir den Nutzen. In vielen kleinen Betrieben ist die Software längst da, Kalender, CRM, Buchhaltung, Shop. Was fehlt, ist jemand, der zwischen diesen Systemen hin- und herschaut und merkt, wenn zwei Dinge nicht zusammenpassen. Diese Rolle will Duet übernehmen.

Wer bestimmt, was passiert

Ein Agent, der selbstständig Mails liest und Aufgaben anstößt, ist nur so gut wie seine Grenzen. Anthropic hat dazu mehr erklärt, als bei solchen Ankündigungen üblich ist. Bevor Duet eine Nachricht verschickt, etwas bezahlt, unterschreibt oder löscht, zeigt es die geplante Aktion und wartet auf eine Freigabe. Wertpapierhandel und Überweisungen zwischen Konten sind ganz ausgeschlossen, auch mit Zustimmung. Den Zugriff auf einzelne Apps kann man jederzeit wieder trennen.

Passwörter und Anmeldetoken sieht Duet nicht direkt, Anthropic verwaltet sie wie bei Claude Managed Agents. Jede Aktion prüft außerdem ein Klassifikator aus dem Auto Mode, unter anderem auf versteckte Anweisungen in Mails oder auf Webseiten (Prompt Injection). Ein neuer Klassifikator verhindert, dass Kreditkarten- oder Ausweisnummern weitergegeben werden. Gesundheits- und Finanzdaten gibt Duet nur weiter, wenn man es ausdrücklich anweist. Dazu kommen laut Anthropic Red-Teaming, ein externer Penetrationstest und ein öffentliches Bug-Bounty-Programm.

Das Gerüst halten wir für vernünftig, und die Freigabe vor jeder Aktion nach außen für den wichtigsten Teil davon. Prompt Injection ist bei Agenten mit Zugriff aufs Postfach das größte ungelöste Problem der ganzen Branche. Kein Klassifikator fängt jeden Fall ab. Solange am Ende ein Mensch auf „Senden“ drückt, bleibt ein Fehler aber ein Entwurf.

Was noch fehlt

Die Schwächen schreibt Anthropic selbst dazu. Duet kann einen Gesprächsverlauf falsch lesen und die Dringlichkeit falsch einschätzen. Bei privaten Erledigungen wie Ticketbuchungen ist es schwächer. Was Duet in seinem Browser tut, kann man noch nicht mitansehen. Und weil Duet eine eigene App ist, hat man künftig zwei Claude-Apps nebeneinander.

Am heikelsten finden wir den fehlenden Blick in den Browser. Wer einem Agenten Arbeit überlässt, will nachvollziehen können, wie er zu einem Ergebnis gekommen ist. Das Briefing zeigt nur, was am Ende herauskommt.

Für Unternehmen in Deutschland kommt noch etwas dazu. Vorerst gibt es Duet nur über eine Warteliste, zuerst für Pro- und Max-Kunden in den USA. Zu anderen Ländern und zu den Tarifen Team und Enterprise sagt Anthropic nichts. Ebenso fehlt eine Angabe, wie lange Duet Daten aufbewahrt. Wer nach DSGVO arbeitet, braucht darauf eine Antwort, bevor ein Agent das Kundenpostfach liest. Auch die genannten Beispiele für Konnektoren sind fast alle US-Dienste. Wie gut die Werkzeuge angebunden sind, mit denen deutsche Betriebe buchen und abrechnen, zeigt sich erst, wenn Duet hier startet.

Was wir Unternehmen raten

Wer Pro oder Max hat, kann sich auf die Warteliste setzen, sobald sie hier offen ist. Testen würden wir zuerst mit Konten, bei denen ein Fehler wenig kostet: ein eigener Kalender, ein Projektpostfach, aber nicht das Hauptkonto der Buchhaltung. Ein paar Wochen im echten Alltag sagen mehr darüber, wie gut Duet Dringlichkeit einschätzt, als jede Ankündigung.

Unabhängig von Duet lohnt es sich, einmal aufzuschreiben, welche Arbeit zwischen den eigenen Systemen liegen bleibt. Welche Mails brauchen eine Antwort am selben Tag? Welche Rechnung muss an wen? Ein Agent kann Dringlichkeit nur so gut einschätzen, wie man sie ihm erklärt. Die Liste hilft übrigens auch jedem neuen Mitarbeiter.

Lohnabrechnung und Kundendaten würden wir erst anbinden, wenn geklärt ist, wo und wie lange Duet diese Daten speichert.

Fazit

Claude Duet ist der erste Agent eines großen KI-Anbieters, der sich ausdrücklich an kleine Firmen richtet und von selbst arbeitet. Die Idee gefällt uns: ein Assistent, der morgens sagt, was ansteht, und den falschen Kalendertag bemerkt, bevor die Kundin vor verschlossener Tür steht. Bei der Sicherheit hat Anthropic mehr offengelegt als üblich, und die Freigabe vor jeder Aktion nach außen ist richtig. Bis Duet in Deutschland ankommt, bleiben aber zwei Fragen offen: wo die Daten liegen und wie gut die hiesigen Werkzeuge angebunden sind.

Beitrag teilen

Dominik Rieken

Autor

Dominik Rieken

Gründer & Geschäftsführer, Pixzl