MacBook Pro mit Touchscreen: Warum Steve Jobs recht hatte
Apple bringt den ersten Mac mit Touchscreen. 2010 hat Steve Jobs erklärt, warum das nicht funktioniert. Wir finden: Er hatte recht, und Apple weiß das.

Apple hat heute das MacBook Pro mit PROLED XDR Display vorgestellt. Es ist der erste Mac, den man mit dem Finger bedienen kann. Dazu kommen ein Tandem-OLED mit bis zu 2.000 Nits und zum ersten Mal am Mac eine Dynamic Island. Vorbestellen kann man ab sofort, in den Läden steht es ab dem 6. November.
Das ist ein großer Schritt, und ein ziemlich ironischer. Vor 16 Jahren hat Steve Jobs auf einer Bühne in Cupertino erklärt, warum es so einen Mac nie geben wird. Wir haben uns angesehen, was Apple heute zeigt. Unser Eindruck: Jobs hatte recht. Und das neue Gerät verrät, dass Apple das selbst ganz genau weiß.
Was Jobs 2010 gesagt hat
Im Oktober 2010 stellte Apple beim Event „Back to the Mac“ das neue MacBook Air und Mac OS X Lion vor. Irgendwann kam Jobs auf die Frage, warum der Mac keinen Touchscreen bekommt. Apple habe das ausgiebig getestet, sagte er, und Touch-Oberflächen wollten nicht senkrecht stehen. In der Vorführung sehe das großartig aus. „Aber nach kurzer Zeit wird man müde, und nach längerer Zeit will einem der Arm abfallen.“ Es funktioniere nicht und sei ergonomisch furchtbar (TechRadar hat die Passage dokumentiert).
Touch gehöre auf waagerechte Flächen. Deshalb bekamen iPhone und iPad den Touchscreen und der Mac das Multi-Touch-Trackpad.
Das Problem hat einen Namen, der älter ist als das iPhone: Gorilla Arm. Wer mit ausgestrecktem Arm auf einen senkrechten Bildschirm tippt, trägt das Gewicht des Arms aus der Schulter. Ein paar Tipper sind kein Problem. Ein ganzer Arbeitstag schon.
Was Apple heute vorgestellt hat
Die Hardware ist beeindruckend. Der Touch-Sensor sitzt direkt im Panel und liegt nicht als zusätzliche Schicht darüber, das soll die Verzögerung senken. Es gibt das Gerät mit 14,2 und 16,3 Zoll, ProMotion läuft von 10 bis 120 Hz, dauerhaft schafft das Display 1.000 Nits und in der Spitze 2.000. Das 14-Zoll-Modell wiegt 1,38 Kilo, das 16-Zoll-Modell 1,82 Kilo. Drin stecken M5 Pro oder M5 Max. Apple nennt das Display „das beste Laptop Display der Welt“, und nach den Daten glauben wir das gern.
Billig ist das nicht. In den USA beginnt das MacBook Pro mit PROLED XDR bei 2.899 Dollar, so viel hat ein MacBook Pro zum Einstieg noch nie gekostet. In Deutschland liegt das 14-Zoll-Modell bei 3.299 Euro, das 16-Zoll-Modell bei 3.899 Euro, mit M5 Max sind es 5.199 und 5.599 Euro (Trending Topics). Wer keinen Touchscreen will, bekommt ein neues 14-Zoll-MacBook-Pro mit M6 und Mini-LED-Display, in den USA 900 Dollar günstiger.
Apple traut dem Touchscreen selbst nicht
Interessanter als das Display ist die Frage, wie Apple Touch in macOS einbindet. Die Antwort: so wenig wie möglich. macOS behandelt eine Berührung wie einen Klick. Apples eigene Apps sind angepasst, alle anderen funktionieren, weil der Finger einfach den Mauszeiger ersetzt. Dazu kommen ein paar Gesten: wischen zum Scrollen, zwei Finger zum Zoomen, Doppeltipp für den Vollbildmodus, Fenster mit dem Finger verschieben. Den Apple Pencil unterstützt das Gerät nicht. Wer zeichnen will, nimmt den Finger.
Tastatur und Trackpad bleiben, wie sie sind. Am Aufbau des Geräts ändert sich nichts. Es ist ein klassisches Notebook, dessen Bildschirm man zusätzlich anfassen kann.
Das finden wir bemerkenswerter als jedes Datenblatt. Ein Unternehmen, das den Finger für die bessere Art hält, einen Computer zu bedienen, hätte das Betriebssystem dafür neu gedacht. Genau das hat Apple beim iPad gemacht. Beim Mac passiert das Gegenteil: macOS bleibt ein System für Zeiger und Tastatur, und der Finger wird ein weiterer Zeiger. Apple weiß, dass niemand acht Stunden mit erhobenem Arm arbeitet. Touch ist am Mac für kurze Momente gedacht.
Der Arm ist derselbe geblieben
Seit 2010 hat sich an Displays fast alles geändert. An der Schulter nichts. Ein aufgeklapptes MacBook steht eine Armlänge entfernt und fast senkrecht. Wer dort hineintippt, hebt den Arm, hält ihn in der Luft und trifft mit einer Fingerkuppe ein Ziel, das für einen Mauszeiger gedacht war.
Windows-Laptops haben seit über zehn Jahren Touchscreens. Microsoft hat 2012 mit Windows 8 sogar eine Kacheloberfläche für Finger eingeführt und sie mit Windows 10 wieder zurückgedreht. Windows ist bis heute ein System für Maus und Tastatur, auch auf Geräten, die Touch können.
Und dann gibt es noch ein ganz praktisches Problem. Ein Bildschirm, den man anfasst, bekommt Fingerabdrücke. Auf einem glänzenden OLED, das gerade in dunklen Szenen tiefes Schwarz zeigen soll, sieht man jeden einzelnen. Es ist schon ein wenig absurd, das beste Laptop-Display der Welt zu kaufen und es dann regelmäßig putzen zu müssen.
Wo Touch am Mac trotzdem Sinn ergibt
Ganz fair ist das Urteil von 2010 trotzdem nicht. Apples eigene Beispiele zeigen, wo der Finger passt: einen Regler in Logic Pro schieben, ein 3D-Objekt drehen, in ein Foto zoomen, schnell durch eine lange Seite scrollen. Das sind alles kurze Handgriffe. Und wer den ganzen Tag ein iPhone in der Hand hat, tippt irgendwann reflexhaft auf jeden Bildschirm. Dass der Mac darauf jetzt reagiert, schadet niemandem.
Der Fehler wäre gewesen, Touch zur Hauptbedienung zu machen. Den macht Apple nicht. Und damit gibt Apple Jobs auf seine Art recht.
Was das für Mac-Apps heißt
Wir entwickeln selbst Apps für den Mac, deshalb haben wir uns gefragt, was jetzt zu tun ist. Die kurze Antwort: erst einmal wenig. Weil macOS eine Berührung als Klick behandelt, funktionieren bestehende Apps ohne Änderung.
Trotzdem lohnt ein Blick auf die eigene Oberfläche. Mac-Apps sind für einen präzisen Zeiger gemacht. Kleine Symbole in der Werkzeugleiste, schmale Schieberegler und dicht gepackte Listen trifft man mit dem Finger schlecht. Was wir Kunden mit Mac-Apps raten:
- Die wichtigsten Abläufe einmal mit dem Finger durchspielen, sobald die Geräte da sind, vor allem Scrollen, Zoomen und Ziehen. Wo man danebentippt, sind die Ziele zu klein.
- Keine Oberfläche für Touch neu entwerfen. Die allermeisten Mac-Nutzer werden weiter mit Trackpad und Tastatur arbeiten, und dafür muss die App gemacht sein.
Fazit
Apple hat einen großartigen Mac vorgestellt, mit dem vermutlich besten Display, das es in einem Notebook gibt. Den Touchscreen behandelt Apple dabei selbst als Nebensache: Er übersetzt Berührungen in Klicks, unterstützt keinen Stift und ändert nichts an der Bedienung des Systems.
Genau das hat Jobs 2010 gemeint. Ein Notebook-Bildschirm steht senkrecht, und der Arm wird müde. Wer das neue MacBook Pro kauft, sollte es für das Display kaufen. Den Touchscreen wird man ab und zu benutzen und dann wieder zum Trackpad greifen. Die Anatomie des Arms hat sich seit 2010 nicht geändert.
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